Impulse

Zeitungsandachten

 

Euromünzen im Portemonnaie

„Die Euromünzen sind gerade gut gemischt“, sagte jemand im Bäckerladen. Gemeinsam kauften wir Brot und bezahlten, als ich merkte: Auch ich hatte vom Urlaub mehrere Münzen im Portemonnaie, die aus anderen Ländern kommen.

Manche besondere Münze hebe ich auf und die Verkäuferin hinter der Bäckereitheke meinte, dass sie besondere Münzen für einen Kunden zurücklege.

„Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“, sagt Jesus, als er nach der Steuer gefagt wird. Der Kaiser ist abgebildet und er bekam die Steuern. Bei uns läuft das Steuersystem ja über die Buchungen der Verkäufe. Eine Münze ist heute mehr der Hinweis auf Staatsoberhäupter, besondere Bauten und Landschaften und Personen, die mit ihren Werten unser Leben prägen. Ich freue mich über die Vielfalt der Münzen aus dem Eurogebiet. Manche finden sich öfter in unserer Geldbörse, andere kommen vor, wenn wir einander besuchen und die Münzen ihre Besitzer wechseln.

Ein guter Grund zu danken, für unsere Einheit in der Währung und für die Eindrücke, die wir beim Bezahlen bekommen und weitergeben. Die Zwei-Euro-Münze Österreichs zeigt Bertha Suttner, die 1905 den Friedensnobelpreis verliehen bekam. Auf der Ein-Euro-Münze aus Slowenien ist Primoz Trubar zu sehen. Er war evangelischer Prediger, Begründer des slowenischen Schrifttums und Bibelübersetzer. Und wenn zum ersten Januar in Bulgarien der Euro eingeführt wird, ist Iwan Rilski, ein Heiliger der Bulgarisch-Orthodoxen Kirche, auf der Ein-Euro-Münze zu sehen mit dem Kreuz in der Hand.

„Silber und Gold habe ich nicht“, sagt Petrus zu dem Gelähmten am Jerusalemer Tempel (Apostelgeschichte 3,6), „was ich aber habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi von Nazareth steh auf und geh umher!“ Und Petrus guckt den Gelähmten an, nimmt ihn an die Hand und hilft ihm auf. Dann kann der Gelähmte auf wundersame Weise spüren, wie er in Füßen und Knöcheln Kraft bekommt. Dankbar sind alle, die das gesehen haben.

Die Münzen sind das eine, was unser Leben begleitet. Die Erzählungen unserer Münzen sind das andere, was unser Zusammenleben mit Werten ausmacht. Und dafür können aufmerksam sein, in unserer Zeit, in der wir uns auf das Erntedankfest vorbereiten. Danken für Pflanzen und Tiere, die auf Münzen dargestellt sind, oder auch für 35 Jahre Deutsche Einheit. Die Münze ist gerade frisch herausgekommen.

Matthias Winkelmann

Pastor in der Kirchengemeinde Neuenkirchen

Erschienen am 27. September 2025 in der Böhme-Zeitung

Archiv

Vor einiger Zeit musste ich schnell mit dem Auto zu einem Termin. Etwas spät dran schon. Und dann das: Bei der Überquerung der Straße holpert das Auto. Komisch, was ist da los? Dann stockte es, der Motor ging aus. Ich bin rechts rangerollt, mit dem letzten Schwung - unglücklicherweise war gerade da Parkverbot. Ich dachte: Mal ausschalten und neu starten, dann geht's wieder. Aber Pustekuchen: Es startete einfach nicht, so oft ich es auch versuchte. Oh nein! Was nun? Warndreieck aufstellen, Termin absagen, den Abschleppdienst rufen. In der Wartezeit: Alle fahren vorbei, kopfschüttelnd teils, ein Lieferwagenfahrer gestikulierte wild und regte sich auf. Ja, es ist wirklich ein ungünstiger Platz zum Liegenbleiben. Aber ausgesucht hab ich es mir ja nicht. Es hätte ja noch schlimmer sein können als der Straßenrand mit Parkverbot: die Mitte der Kreuzung etwa. Die Prognose des Abschleppdienstes: Das ist bestimmt der Motor. Da wird nicht mehr viel zu retten sein. Oh weh!

Liegen geblieben - das habe ich auch schon bei manchen Mitmenschen gesehen: dass sie im übertragenen Sinn einfach nicht mehr weiterkonnten. Dass sie liegen geblieben sind zu einem ungünstigen Zeitpunkt, an einem ungünstigen Ort. Manchmal ist das so: Die Kräfte sind einfach weg. Und wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen: Die Leute kommen vorbei, aber sie gehen vorüber. Sie regen sich auf und schimpfen. Hält da eigentlich irgendeiner an und fragt mal nach? Kümmert es irgendeinen? Oder kümmert sich jemand? Wie gut ist es, wenn ein persönlicher Abschleppdienst kommt. Mit Prognosen und Diagnosen sollte der sich besser zurückhalten. Denn das kann ja letztlich erst der Spezialist sagen, was die Ursache und was dagegen zu tun ist. Vielleicht hat man Glück, so wie ich mit meinem Auto: dass es kein irreperabler Schaden ist, sondern  doch noch eine Rettung in Sicht ist dank des Spezialisten-Knowhow.

Was hilft denn jemandem, der liegen geblieben ist? Die Vorbeigehenden und die mit den blöden Kommentaren definitiv nicht. Ich hätte mich gefreut, wenn jemand gefragt hätte: Kann ich dir helfen? Oder wenn ich mich mit jemandem hätte beraten können in meiner Ratlosigkeit und Sorge. "Helft einander, die Lasten zu tragen. So erfüllt ihr das Gesetz, das Christus gegeben hat." (Galater 6, 1)

Maren Zerbe

Pastorin in der Kirchengemeinde Neuenkirchen und
in der Region Schneverdingen-Neuenkirchen-Heber

Erschienen am 30. August 2025 in der Böhme-Zeitung

Vom Kirchentag in Hannover wird in diesen Tagen immer wieder erzählt. „Man kann es nicht beschreiben, man muss den Kirchentag erlebt haben“, sagt Sabine. Für einen Tag war sie dabei, hat sich auf dem Messegelände umgesehen und Diskussionen erlebt. „Und es waren verschiedene Meinungen, aber es wurde einander zugehört“, sagt sie. Verabredete Treffen gab es und zufällige Wiedersehen mit vertrauten Menschen. Auch beim Abendgebet mit meditativen Liedern war Sabine dabei. Ganz erfüllt ist sie.

Und ich sehe auf Instagram viele kurze Szenen, in denen sich Menschen mit guter Laune begegnen, und am Abend: Angezündete Kerzen und gemeinsamer Gesang. Das alles habe ich auch erlebt.

Beim Kirchentag habe mit jungen Leuten unserer Region und lieben Menschen aus den Rotenburger Werken in einer Schule übernachtet. Nach dem Frühstück ging es in die Stadt oder auf das Messegelände.

Besonders angesprochen hat mich die Bibelarbeit der Bischöfin Mariann Budde aus den USA. Den Text des Ostermorgens aus dem Matthäusevangelium Kapitel 28 deute sie als Aufbruch. Es kommt darauf an, eine Beziehung zu Jesus zu haben. Jesus ist für uns gestorben, aber er hat auch gelebt, um uns zu zeigen, wie wir leben sollen. Der Auferstandene Jesus bestätigt alles, was er gelehrt hat, wer er war und wofür er einstand. Und Budde verkündete, dass Jesus aktiv gegenwärtig ist. Er gibt uns die Möglichkeit nach seinem Vorbild zu lieben, zu leben und zu vergeben. Im Glauben sollen wir mutig, stark, beherzt sein.

Bischöfin Budde sagte auch, wie wichtig Begegnungen von Menschen aus unterschiedlichen Lebens- und Weltsichten sind. Begegnungen über Grenzen hinweg. Genau das ist doch, was Jesus immer getan hat. Ich bin dankbar für diese Begegnung.

Ja, es gibt Menschen, die vielleicht gar nicht beim Kirchentag dabei waren, die Kritik äußern. Auch ich bin nicht immer einer Meinung mit Gedanken, die einem auf dem Kirchentag begegnen. Doch ist der Kirchentag ein Beispiel für die Gemeinschaft unter uns Menschen, zu der Jesus uns einlädt, wo alle einen Platz haben. Wo wir um die Wahrheit ringen und uns als Geschwister begegnen.

Der Kirchentag wirkt weiter. Jesus, der Auferstandene, wirkt. Wie Sabine sage ich: „Man kann es nicht beschreiben, man darf es erleben.“

Matthias Winkelmann
Pastor in der Kirchengemeinde Neuenkirchen

Erschienen am 10. Mai 2025 in der Böhme-Zeitung

„Kennst Du die blonde Frau im Collarhemd mit dem großen Metallkreuz? Sie war schon öfter eingeblendet“, fragte mich per Textnachricht ein Freund am Neujahrstag. Er wußte, dass ich gern das Neujahrskonzert aus Wien sehe. Die Pfarrerin mit der schwarzen Bluse und dem kleinen weißen Einsteckkragen ist mir schon aufgefallen, aber eine österreichische evangelische Pastorin ist sie vermutlich nicht. Ich hab dem Freund geantwortet, dass sie vielleicht aus Schweden oder Dänemark sein könnte, denn dort tragen die Pastorinnen und Pastoren öfter diese Hemden. Ich selbst weiß, dass Hermannsburger Missionare oft diese Hemden tragen und auch einige meiner Kolleginnen und Kollegen.

Dann kam die Pfarrerin wieder ins Bild. Sie sitzt ja neben dem Bundeskanzler Österreichs und zur anderen Seite? Das könnte ihr Mann sein. Eine kurze Suche im Internet brachte Klarheit: Der schwedische Premierminister ist zu Gast in Österreich, denn Schweden und das Gastgeberland feiern den 30. Jahrestag ihres Beitritts zur Europäischen Union.

Birgitta Ed ist Pfarrerin in Schweden. Und sie geht erkennbar als Geistliche in das Neujahrskonzert, was ja in Österreich, einem katholisch geprägten Land, wirklich auffällt.

Vorletzten Sonntag gab es im Fernsehgottesdienst auch diese Hemden mit kleinem rechteckigem weißem Einsteckkragen. Der Pastor hatte eins an und locker ein grünes Hemd darüber gezogen, und die Pastorin trug eine schwarz-weiß gefärbte Bluse. Ein Hingucker? Vielleicht. Eben keine üblichen schwarzen Talare, wie sie bei uns im Gottesdienst üblich sind.

Inzwischen sind schon einige Tage vergangen. Österreichs Bundeskanzler Nehammer hat sein Amt nach gescheiterten Koalitionsverhandlungen niedergelegt. Bei einer Demonstration für Rechtsstaatlichkeit war ich jüngst in Wien dabei. Und bei uns wird bald der Bundestag neu gewählt. Von den Wahlplakaten gucken uns jetzt Kandidatinnen und Kandidaten an. Eine besondere Kleidung, die für etwas steht, haben sie nicht an. Nur der Hintergrund ist in Parteifarbe gefärbt. Nun sind wir dran, hinter die Gesichter und Personen zu blicken, um uns klar zu machen, für welche Werte und Ziele eine Person steht, die sich von uns wählen lassen möchte. Wir dürfen nicht nur Hingucker sein, sondern Mitmacher.

So, wie unser Bibelwort für 2025 sagt: „Prüfet alles und behaltet das Gute.“ (1. Thess. 5,21)

Matthias Winkelmann
Pastor in der Kirchengemeinde Neuenkirchen

Erschienen am 25. Januar 2025 in der Böhme-Zeitung

Vorletzte Woche bin ich umgezogen. In meinem Wohnort Neuenkirchen lebe ich nun dichter an der Kirche im Pfarrhaus. Ein Umzug ist spannend und aufregend. In meiner bisherigen Wohnung habe ich Dinge sortiert, mich von einigen Büchern und Gegenständen getrennt, aber wertvolle Erinnerungen, die mussten bleiben. Bücher wurden in Kisten gepackt, die Möbel wurden verladen, es wurde leerer und leerer. Eine Lampe blieb hängen, Zählerstände wurden abgelesen.

Abschied habe ich genommen von einem vertrauten Ort. Und wer weiß, wie es am neuen Ort wird? Noch sind nicht alle Kisten ausgepackt. In meinem Büro kamen zuerst die Bibelausgaben oben links ins Regal. Uropas Bücherschrank steht nun auch im Büro und nicht mehr im Wohnzimmer. So wechseln auch Möbel ihren Ort. Alles soll in diesen Tagen seinen Platz finden. Die neuen Nachbarn waren schon bei mir zu Besuch. Und erste Bilder sind aufgehängt.

Ich dachte zurück: " Du Herr machst, dass wir sicher wohnen". Die Worte waren an die Wand geklebt, als ich in meiner Leipziger Studentenzeit in einer Wohngemeinschaft lebte. Und rund um dieses Foto haben wir Fotos mit gemeinsamen Erlebnissen und Erinnerungen an die Wand gehängt.

"Sicher wohnen" - ich bin dankbar für Renovierungsarbeiten, die Handwerker in kurzer Zeit in diesem Sommer hinbekommen haben. Und es sind eben die Menschen, die das Wohnen angenehm machen. Einige Menschen kamen schon vorbei. Andere haben sich bereits angemeldet. Im Buch Sacharja sagt Gott: "Denn siehe, ich komme und will bei dir wohnen." Die Worte (Sacharja 4,9) schrieb mir eine Freundin. Dieser Gedanke begleitet mich beim Einräumen und Platz schaffen. Platz machen für Gott. Das möchte ich. Gott danken dafür, dass ich sicher wohne. Und ich bin immer wieder im Gespräch mit Gott im Tageslauf.

Wenn mich Menschen besuchen, dann bereite ich die Wohnung dafür vor. Auch für Gott möchte ich Raum schaffen, möchte mit ihm reden und ihm danken für die Menschen, mit denen ich hier lebe oder mit denen ich verbunden bin. Ich möchte Gott auch für die Menschen bitten, von denen ich aus den Nachrichten höre.

Allen Menschen wünsche ich, hier im Ort, in unserer Region und in aller Welt, dass wir zufrieden und friedlich leben. Und dass Gott bei uns einen Platz hat. Er sagt: "Siehe, ich komme und will bei dir wohnen."

Matthias Winkelmann

Pastor in der Kirchengemeinde Neuenkirchen

Erschienen am 24. August 2024 in der Böhme-Zeitung

Verwunschen könnte man das Haus nennen. Der Zaun hängt schon etwas schief, Unkraut und Mohnblumen sprießen aus den Ritzen, der Baum hinter der Einfahrt wuchert. Man sieht dem Garten an, dass schon lange kein Rasenmäher mehr vorbeigetuckert ist. Die Nachbarhäuser sehen anders aus: akkurat geschnittene Büsche, frisch verputzte Fassade, mehrere Autos auf dem Hof. Ich kann mir vorstellen, dass ihnen das sprießende Grün nebenan ein Dorn im Auge ist. Vermutlich empfinden sie das alte Haus nicht als verwunschen, sondern als verwahrlost.

Ja, aber: Bei genauerem Hinhören gibt es hier noch mehr zu entdecken. Aus diesem Garten heraus zwitschert es extrem laut, Unmengen von Vögel im wuchernden Baum. Im Unkraut zirpt es laut – Grillen! Und ist das womöglich ein Froschkonzert aus einem Teich weiter hinten auf dem großzügigen Terrain? Das ist schon etwas anderes als bei den versiegelten Flächen ein paar Meter weiter.

Als ich weitergehe, an den chicen Nachbarhäusern entlang, merke ich, wie warm es vor ihnen auf dem Bürgersteig ist. Überrascht gehe ich zurück zu dem verwunschenen Haus. Tatsächlich: Angenehm kühl ist es dort. Und noch einmal staune ich über das Gezirpe, Gezwitscher und Gequake. Ein kleines Stück Natur.

Beim schnellen Vorbeifahren hätte ich das alte Haus lediglich als ungepflegt, heruntergekommen bezeichnet und den Kopf geschüttelt. Wie kann man nur?!

Bei meinem Spaziergang hat sich mir noch etwas anderes erschlossen: der Wert des Ungeordneten für die Natur. Wie viel mehr Lebewesen können sich hier auf diesem struppigen Gartenstück tummeln als auf der versiegelten Nachbars-Fläche!

Gegen Insektensterben etwas zu unternehmen, ist offenbar gar nicht so schwierig: einfach wachsen lassen. Das Gartenchaos – bei näherem Betrachten ein Paradies für Tiere.

Und ist das nicht auch ein guter Tipp für unsere zwischenmenschlichen Begegnungen? Schaue nicht nur einmal hin. Urteile nicht vorschnell. Wage einen zweiten Blick. Nimm die anderen Sinne zu Hilfe, um etwas wahrzunehmen.

Ich erinnere mich an Jesus, der seine Mitmenschen so anschauen konnte.

Ich denke an den Vers aus dem Alten Testament: „Der Mensch sieht nur auf das Äußere, der Herr aber sieht auf das Herz.“ (1. Samuel 16, 7c)

Auf dass es uns immer wieder gelingen möge, auf das hinter dem Äußeren zu schauen!

Maren Zerbe

Pastorin in der Kirchengemeinde Neuenkirchen und
in der Region Schneverdingen-Neuenkirchen-Heber

 

Erschienen am 22. Juni 2024 in der Böhme-Zeitung

Wir feiern Ostern. Die Auferstehung Jesu. Das Grab ist leer. Jesus lebt. Und es sind die Begegnungen mit Jesus, die die Jünger und Jüngerinnen erkennen lassen: Jesus lebt. Er ist da, im Brotbrechen, im Miteinander.
Das Grab ist leer. In einem Bild ist es schon heiter stimmend in der Corona-Zeit über unsere Mobiltelefone gewandert: Da ist eine leere Grabeshöhle zu sehen. An der Seite liegt ein großer Stein. Und unter dem Bild steht: „Das mit der Ausgangssperre hat zu Ostern noch nie geklappt.“
In der Woche vor Ostern bin ich in Wien und besuche dort in der lutherischen Stadtkirche den Gottesdienst und höre am Abend die Johannespassion von Bach. Immer wieder wandert mein Blick in den Altarraum in die Höhe. Über dem Altar gibt es eine Empore. Sie ist unbenutzt. Warum sie überhaupt da ist, weiß ich nicht. Oben auf der Empore gibt es eine Tür. Die Tür ist nicht verschlossen, sie ist leicht geöffnet. Na, denke ich, wer hat denn die Tür nicht zu gemacht? Und ich denke, daran hätte man ja denken können, dass die Tür da oben für alle zu sehen ist, und wenn sie offen steht, ist das doch unachtsam.
Über der Tür ist das Notausgangsschild angebracht, in grün-weiß bedruckt, und es ist sogar beleuchtet. Wer braucht dort ein beleuchtetes Notausgangsschild, frage ich mich. Neben der Tür, die links auf der Empore liegt, steht ein Bibelwort in goldenen Buchstaben: „Der Herrn Wort bleibet in Ewigkeit.“
Immer wieder gucke ich nach oben zu der geöffneten Tür. Und ich sehe das beleuchtete Schild, das den Notausgang kennzeichnet.
Vielleicht soll die Tür sogar offen sein, denke ich. Wer hier in die Kirche kommt, soll doch merken, wohin der Notausgang führt, und dass er geöffnet ist, da oben, in der Höhe.
Und all das, weil Gott seine Tür öffnet. Für mich, für dich. Weil Jesus getragen wird in ein neues Leben. Darum feiern wir Ostern. Bei uns, weltweit – und in Wien. Die offene Tür da oben, das ist ein Symbolbild für mich. Für das geöffnete Grab, für den Notausgang aus Lebenssituationen. Die geöffnete Tür, ein Zeichen für Gott, der da ist, sich nicht verschließt. Der Weg ist leuchtend gekennzeichnet. Vielleicht sogar wie eine Pforte zum
Himmel.
Ja, denke ich, das ist der Hit, diese offene Tür, die einfach so da ist. Gott, der da ist. Mit seinem Licht. Gott schenke uns allen den Blick in die Höhe und dass wir seine geöffnete Tür entdecken.

Matthias Winkelmann

Pastor in der Kirchengemeinde Neuenkirchen

Erschienen am 6. April 2024 in der Böhme-Zeitung

Meine Mutter hat ein Knöllchen bekommen. Das allein ist nicht spektakulär genug, um es zu erzählen, aber der Hintergrund dazu durchaus. Sie hatte einen Arzttermin in der nächstgrößeren Stadt. Sie ist über 80, fährt aber noch selbst souverän Auto. Sie hatte einen Parkplatz in der Nähe der Praxis gefunden und wollte ein Parkticket ziehen. Jedoch: Es gab keine herkömmlichen Automaten mit Münzeinwurf, sondern nur noch digital zu erwerbende Tickets. Nun besitzt meine Mutter trotz ihres Alters ein Smartphone und nutzt es regelmäßig. „Einfach die Park-App herunterladen und ganz bequem per Mobiltelefon bezahlen“ kann sie jedoch nicht. Es war ihr nicht möglich, digital einen Parkschein zu kaufen – und eine analoge Alternative gab es dort im Umkreis nicht. Inzwischen nahte der Arzttermin und sie musste wohl oder übel ihr Auto ohne Ticket zurücklassen. Ergebnis: Knöllchen.

Das ist nicht nur ein ärgerliches bis empörendes Erlebnis. Es kann bei einem älteren Menschen ja auch ein Gefühl zurückbleiben von „Ich kann das nicht mehr, ich bin dem Alltag nicht mehr gewachsen, ich gehöre nicht mehr dazu“. Und dann beginnt die Selbständigkeit tatsächlich zu bröckeln, das Selbstbewusstsein auch.

Digitalisierung wird hochgelobt und immer wieder eingefordert. Sie erleichtert in der Tat vieles, aber: Dieses alltägliche Beispiel hinterlässt auch die Frage, wie wir als Gesellschaft mit alten Menschen umgehen – und mit denen, die aus welchen Gründen auch immer digital nicht so bewandert sind. Werden da nicht viele abgehängt und bleiben auf der Strecke? Gilt es nicht, die an dieser Stelle Schwächeren mitzunehmen, um ihnen möglichst lange die Selbständigkeit zu erhalten und Teilhabe zu ermöglichen? Sind wir als jüngere Generationen das nicht auch alten Menschen schuldig? „Vater und Mutter sollst du ehren“ – das ist aus den Zehn Geboten allgemein bekannt. Aber die Bibel fordert generell den Respekt vor alten Menschen, z.B. im 3. Buch Mose: „Vor einem grauen Haupt sollst du aufstehen und die Alten ehren…“ (3. Mose 19, 32). Respekt, Wertschätzung, Anerkennung sind alle der älteren Generation schuldig, im persönlichen Bereich sowieso, aber auch in den gesellschaftlichen Strukturen. Ich finde: Dazu gehört auch, dass nicht alles und jedes digital sein kann – aus Rücksicht.

Maren Zerbe

Pastorin in der Kirchengemeinde Neuenkirchen und in der Region Schneverdingen-Neuenkirchen-Heber

Erschienen am 24. Februar 2024 in der Böhme-Zeitung

„One of us“, ein Lied von Joan Osborne, das mancher aus dem Radio kennt, haben wir neulich auf der Konfirmandenfreizeit unserer Region gesungen. Wie wäre das, wenn Gott einer von uns wäre? Wenn Jesus uns im Bus begegnen würde?

Ein interessantes Gedankenspiel, das mir gefällt. Wie wäre das, wenn Jesus bei mir zuhause einziehen würde? Wenn Jesus mit mir auf Reisen ginge? Was würden wir unternehmen und erleben? Worüber würden wir reden? Der Hamburger Pastor Jonas Goebel hat dieses Gedankenspiel ausgiebig weitergespielt und in eine schriftliche Form gegossen. Auf humorvolle Weise erzählt er in seinem ersten Buch „Jesus, die Milch ist alle“ von Jesus als neuem Mitbewohner in seiner Wohngemeinschaft, Martin Luther im Schlepptau. Im Fortsetzungsband „Jesus, Füße runter!“ taucht Jesus überraschend bei dem jungen Pastor und seiner Freundin Trixi wieder auf und begleitet sie bei ihrer Interrail-Tour durch Europa. Sarajevo, Istanbul, Rom, Paris, London Lissabon, die Lofoten. Partys im Zug, gemeinsame Erlebnisse in Casinos, Hostels und Disneyland – überall ist Jesus dabei. Jesus – eine verstaubte Figur von vor über 2000 Jahren, irrelevant für die Gegenwart? In seinen Büchern gelingt es Jonas Goebel, Jesus lebendig werden zu lassen. Sympathisch ist er, aber auch manchmal eine Nervensäge, zurückhaltend, aber manchmal auch aufdringlich. Einer, der überraschende, wundersame Lösungen aus der Tasche zaubert.

In den lockeren und witzigen Grundton sind tiefgehende Themen über Glauben und Nachfolge, über Tod und Leben, Liebe und Leid, die Kirche und ihre Verfehlungen eingewoben. Und gerade wegen der leichten Schreibweise kommen die Themen nicht schwerfällig, langweilend oder belehrend daher. Sie sind mitten im Leben verortet, mittendrin, bewegend und relevant. Zugegeben, manches ist frech und etwas verrückt. Aber es bringt dabei die Gedanken weiter: auf welche Menschen Jesus heute zugehen würde, wie er Konflikte lösen würde, wie er leben würde.

Ein lebendiges Buch, das sich zu lesen lohnt – für Konfirmandinnen und Konfirmanden rund um die Konfirmation und überhaupt für alle, die einen niedrigschwelligen Einstieg wollen, um über den christlichen Glauben (wieder) zu sprechen. Für alle, die sich einlassen mögen auf das inspirierende Gedankenspiel: Wie wäre es, wenn Jesus bei mir auftauchen und einer von uns würde…?

Maren Zerbe

Pastorin in der Kirchengemeinde Neuenkirchen und in der Region Schneverdingen-Neuenkirchen-Heber

Erschienen am 04. März 2023 in der Böhme-Zeitung

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